Donnerstag, 20. Juli 2017
Heimatland Tur Abdin

Der heilige Berg Turabdin
Heimat einer alten aramäischen Kultur

- von Sebastian Brock -


Provinzhauptstädte
Mardin, Diyarbakir, Siirt

Kreisstädte
Midyat, Savur, Idil, Nusaybin, Cizre, Gercüs, Kiziltepe, Batman

Die Landschaft Tur Abdin (aramäisch: Berg der Knechte Gottes) befindet sich im Südosten der heutigen Türkei, im Norden von Syrien (Aram) und im Nordwesten des Irak. Von den Städten her ist der Tur Abdin folgendermaßen zu kennzeichnen: Im Osten liegt die Stadt Cizre (Djeziret ibn Omer), im Westen die Stadt Mardin, im Süden Dara und Nusaybin (Nisibis), im Norden Siirt und B'sheriye. Die west-östliche Ausdehnung beträgt etwa 200 km, die nord-südliche etwa 150 km. Verwaltungsmässig gehört der Tur Abdin zur Stadt Mardin. Mardin hat 12 Kreise, 11 Bezirke und 688 Dörfer, 650 km² des zu ihm gehörigen Gebietes sind Wald.

Der Tur Abdin bildet eine Hochebene, die im Durchschnitt 990-1200 m über dem Meeresspiegel liegt. An seinen Grenzen (teilweise auch im Inneren) verstreut liegen mehrere Höhenzüge, z. B. das sogenannte Mardin-Gebirge nördlich von Mardin mit einer Höhe bis zu 1300 m und nördlich von Cizre das Cudi-Gebirge, das bis zu 1800 m Höhe aufsteigt. Im Süden fällt das Hochgebirge steil und schroff zur mesopotamischen Hochebene ab.

Die Niederschläge im Tur Abdin fallen vor allem von Februar bis Mai, zwischen März und April aber in häufigen und gefährlichen Gewittern, bei denen die Blitze oft Vieh und auch Menschen erschlagen. Einige Gebiete sind von breiten Wadis durchzogen, am großartigsten ist das Wadi Khaltan, das bei Finik nordwestlich von Cizre in den Tigris ausmündet und weiter bis nördlich von Idil und Midih geht. Auch die Straße von Mardin über Nisibis bis Cizre verläuft in einem Wadi. Da das poröse Gestein das Regenwasser weitgehend versickern lässt, ist die Bevölkerung darauf angewiesen, für die trockenere Jahreszeit in Zisternen Wasser für sich und das Vieh zu speichern. Sie versteht sich auch gut auf das Anlegen von Bewässerungsanlagen für die Landwirtschaft. Der Tur Abdin taucht in den schriftlichen Quellen schon im 13. Jahrhundert vor Christus auf. Für die Könige Assyriens war er Ziel für Eroberungen und Raubzüge. So etwa verkündete Ashurnasipal II. im Jahre 879 v. Chr. stolz: "Ich habe mir Matiate (= Midyat) und seine Dörfer unterworfen; ich nahm von dort reiche Beute mit und legte ihnen Tribut und schwere Steuern auf" - ein Schicksal, unter dem der Tur Abdin nur allzu oft in seiner weiteren Geschichte gelitten hat. Wie in alten Quellen oft erwähnt wird, haben die assyrischen und babylonischen Königen auch "den Wein von Izala" besonders geschätzt; das ist der Wein von den Izlo-Bergen, deren Hügelkette im Süden die Ausläufer der Hochebene des Tur Abdin bilden und sich über der Mesopotamischen Ebene erheben. Der Ruf dieses Weines, dem gewiss sehr hohe Qualität zugesprochen wurde, scheint auch dem Propheten Ezechiel bekannt gewesen zu sein. In seiner Weissagung gegen Tyrus spricht er von "Fässern von Wein aus Izlo" (Ez 27:19; der hebräische Text hat dafür das sonst unbekannte "Uzal", wahrscheinlich eine Verunstaltung von "Izal").

Der Tur Abdin ist eine vielsprachige Region: Aramäisch (Muttersprache Jesu Christi), Kurdisch, Arabisch und Türkisch. In einzelnen Dörfern werden ganz unterschiedliche Sprachen gesprochen. Diejenigen Dörfer, in denen man Aramäisch sprach, lagen bis zur großen Emigrationswelle der letzten Jahrzehnte in der Gegend zwischen Midyat und Midin. Jedes Aramäischsprachige Dorf besitzt seine eigene, von den anderen leicht abweichende Sprachform. Im Verlauf der letzten Jahre wurde Aramäisch jedoch - vor allem aufgrund der Emigration - stärker vereinheitlicht. Eine interessante Entwicklung infolge des Auswanderungsprozesses ist, dass zuweilen Aramäisch von Personen übernommen wurde, die aus Dörfern des Tur Abdin mit anderer Sprache stammen.

Charakteristischer Glockenturm in Keferze Ein charakteristischer Glockenturm in Keferze

Auf eben diesen Abhängen der Izlo-Berge müssen sich im 4. Jahrhundert der Hl. Jakob, Bischof vom nahen Nisibin, und sein Diakon, der Hl. Ephräm der Aramäer, häufig aufgehalten haben. Hier war es auch, wo im Laufe des 5. und 6. Jahrhunderts viele berühmte Klöster entstanden, von denen einige bis heute in Verwendung sind. Andere sind nur noch als Bauten erhalten: so zum Beispiel das von Mor Avgin (nach der Überlieferung der Begründer des Mönchslebens in Aram-Nahrin (Mesopotamien) ) gegründete Kloster oder das Kloster Mor Abraham, das ursprünglich von dem Erneuerer des ostaramäischen Mönchtums des 6. Jahrhunderts, Mor Abraham von Kashkar, errichtet wurde. Wegen der in den folgenden Jahrhunderten blühenden Klöster wurde das Hochland des Tur Abdin von einigen europäischen Schriftstellern zuweilen "Berg Athos des Ostens" genannt. Auch heute noch ist der Tur Abdin vielen Menschen vor allem wegen seiner zahlreichen alten Kirchen und Klöster bekannt, von denen einige noch in Verwendung sind, trotz schwieriger Bedingungen für die Christen und zahlreicher Verwüstungen, nicht zuletzt in diesem Jahrhundert.

Der Tur Abdin besteht fast aus Kalkstein, vielfach durchsetzt mit Mergelschichten. Doch ist das Geröll strichweise auch mit scharfkantigen Ba saltblöcken bedeckt (z. B. im Osten in der Gegend von Idil und nordwestlich von Mardin), die vulkanischen Ursprungs sind. Westlich von Mardin erhebt sich in nördlicher Richtung der Basaltberg Ehm-Dag. Wegen dieser gesteinsmäßigen Beschaffenheit ist der Tur Abdin reich an Höhlen, die sowohl im Altertum als auch teilweise heute noch als Wohnungen dienen. Im Dorf Hasankeyf besteht heute ein Viertel der Wohnungen aus Höhlen, auch in der Gegend von Midyat und in vielen Dörfern der Jezidis werden die Höhlen so verwendet. Vor allem für die Viehherden sind die Höhlen tauglicher als die Häuser, da sie im Winter warm und im Sommer kühl halten. Deswegen bevorzugen es viele Viehzüchter, darin zu wohnen.

Während der Tur Abdin früher ausgedehnte Eichenwälder besaß, nimmt heute die Baumlosigkeit immer mehr zu. Von Cizre im Osten bis Mardin im Westen ist der Tur Abdin bis auf das Izlo-Gebirge praktisch baumlos. Von Midyat bis B'sheriye sieht man nur einzelne, verkrüppelte Bäume, deren Holz als Brennmaterial und deren Laub als Futter für die Ziegen verwendet wird. Auch von Basibrin bis Cizre findet man nur noch einzelne Bäume. Nur noch im Izlo-Gebirge gibt es dichten Wald mit wilden Tieren. Die heutige Waldarmut beruht auf folgenden Gründen: Für die Heizung im Winter wird ausschliesslich Holz verwendet. Mit LKWs wird das Holz aus dem Izlo-Gebirge nach Midyat oder Mardin transportiert und dort verkauft. Die von der Regierung aufgestellten Waldwächter helfen nicht viel - sie werden bestochen, denn irgendwie müssen im kalten Winter die Häuser geheizt werden. Die erhebliche Vernichtung des Waldes wird auch durch die Kalkgewinnung verursacht. Die im Tur Abdin herrschende Baumlosigkeit führt wiederum zum Wassermangel. In vielen Orten ist man zum Tränken des Viehs auf das in zum Teil sehr alten und auch neuen großen Teichen angesammelte Wasser angewiesen. In der Gegend von Midyat in Richtung Cizre bis Midin sind kaum Quellen zu finden. Doch etwa im Jahre 1970 hat die Regierung in Midyat und einigen Dörfern der Umgebung Brunnen gebohrt, die mehr als 200 m tief sind. Im Süden in der Gegend von Finik und im Norden über Kerburan bis zum Batman Su ist die Selekun-Wiese zwischen Midin und Idil fast das ganze Jahr grün. Die Viehzucht ist dort sehr berühmt. In manchen Jahren müssen Menschen und Tiere unter der Wasserknappheit sehr leiden.

Im Tur Abdin besitzt fast jeder Vieh, vor allem Ziegen und Schafe. Auch die Bienenzucht ist verbreitet. In den Mulden der Gebirge bringt die Landwirtschaft hohe Erträge. Angebaut werden Getreide (Weizen, Gerste, Hirse, Wicke, Kichererbsen), Obst, Gemüse; vor allem Trauben: Im Tur Abdin gibt es 17 verschiedene Traubensorten, aus denen Wein, Rosinen, Marmelade und verschiedene Süssigkeiten für den Winter hergestellt werden. Feigen (8 verschiedene Sorten) und Granatäpfel, Melonen, Kürbisse, Gurken, Tomaten, Pfirsiche und Aprikosen werden ebenso wie Tabak mit hervorragendem Ergebnis angebaut: Das Volk ist sehr geschickt in der Landwirtschaft. Im Izlo-Gebirge bis Basibrin sammelt man ausserdem viel Manna. Als seit 1975 immer mehr Christen aus dem Tur Abdin auswanderten, verkommen die Felder und Weingärten mehr und mehr.

Der Tur Abdin gehört klimatisch zum südosttürkischen Bereich, die Sommer sind also sehr warm (durchschnittlich 36 Grad Celsius), und von Mai bis Oktober regnet es praktisch nicht. In dieser Zeit schlafen die Menschen auf den Dächern. Im Winter schneit es manchmal, aber der Schnee hält nicht lange. Frosttage sind eher selten. Die Regenzeit im Frühling dauert von Ende Februar bis Mai. Jeder freut sich auf den Regen, der die Zisternen auffüllt. Regen gilt als Segen Gottes.

Die Bevölkerung im Tur Abdin ist heute sehr stark gemischt. Es leben dort neben den christlichen Aramäern, die aus den wasserreichen Randgebieten auf das trockene Kalkplateau im Zentrum zurückgedrängt wurden, Kurden, Araber und Türken. Die Unterscheidung in völkisch-sprachliche und religiöse Gruppen ist schwierig, weil seit 1935 in der Türkei religiöse Sondergruppen nicht mehr statistisch erfasst wurden. Nach dem Stand der letzten Volkszählung von 1960 leben in der Provinz Mardin insgesamt 353.411 Menschen, 8 von den Bezirken liegen im Tur Abdin oder seinen Randgebieten, das ergibt für den Tur Abdin 265.886 Einwohner.

Durch Mönche der etwa 80 Klöster wurde der Tur Abdin zum Kernland ältester christlicher Tradition. Dieses landschaftlich reizvolle Hochland südlich des Tigris birgt älteste Baudenkmäler, wie sie sonst nicht anzutreffen sind. Schon die Römer hatten den Namen Tur Abdin ("Berg der Knechte Gottes") von den alten Völkern des Orients übernommen. Er wurde später auf die Mönche in den vielen Klöstern bezogen, die dort seit dem 4. Jh. entstanden waren und den Tur Abdin aus christlichem Blickwinkel zum "Berg der Knechte Gottes" werden ließen.

Sofern uns heute dieses hochgelegene Kalkplateau in der Südosttürkei zwischen Tigris und syrischer Grenze mit seinen Hügeln und Talsenken auch liegen mag: Schon zur Zeit der römischen und byzantischen Kaiser wurde nicht nur halb Europa, sondern auch der Tur Abdin von Rom oder Konstantinopel aus, der jeweiligen gemeinsamen Hauptstadt, regiert. Diese abgelegene Region zog und zieht weiterhin das Interesse an sich, einst als Bollwerk an der Reichsgrenze, später als Zentrum der Syrische-Orthodoxen Kirche von Antiochien und heute als Eckpfeiler des Christentums im Orient.

Zubereitung einer Mahlzeit in einem typischen Haus in Bequsyone Zubereitung einer Mahlzeit in einem typischen Haus in Bequsyone

Die Menschen im Tur Abdin sprechen im Alltag die Sprache Jesu, einen aramäischen Dialekt, der heute als Turyoyo bezeichnet wird (Turyoyo genannt nach Tur Abdin). Damit sind sie Träger einer durchgehenden Tradition von den ersten Anfängen der Christenheit bis in unsere Zeit.

Altes Kreuz am Kloster Mor Gabriel Altes Kreuz am Kloster Mor Gabriel

Das heutige Zentrum des Tur Abdin ist das Kloster Mor Gabriel.

Mor Gabriel, Eingang Mor Gabriel, Eingang

Mor Gabriel, Eingang zur Kirche Mor Gabriel, Eingang zur Kirche

Die Zufahrt zum Kloster Mor Gabriel mit dem im Jahre 1992 errichteten Torbogen Die Zufahrt zum Kloster Mor Gabriel mit dem im Jahre

1992 errichteten Torbogen



Für die Syrisch-Orthodoxe Kirche aber hat dieses Gebiet besondere Bedeutung, denn der Tur Abdin ist vor allem das Kernland der syrischen Tradition, die bis in die frühchristliche Zeit zurückreicht. Was auch immer die ursprüngliche Etymologie seines Namens sein mag, Tur Abdin ist letztlich der "Berg der Knechte Gottes", die Heimat von zahlreichen lokalen Heiligen, nach denen viele Klöster und Kirchen benannt sind, die im Laufe von sechzehn Jahrhunderten gegründet wurden und zu verschiedenen Zeiten ihre Blüte hatten. Zu diesen Heiligen des Tur Abdin gehören die vielfältigsten Gestalten: Manche waren Säulensteher (von einem kann man die Säule noch im Dorf Habsus [Habsenas] sehen), während andere ausgesprochen praktische Menschen waren wie etwa der Unternehmer Bischof Simeon von den Oliven (She'mun D-Zayte), der 734 starb. Durch seine ausgedehnten Olivenkulturen versorgte er im ganzen Tur Abdin die Kirchen mit Öl für ihre Lampen; er war es auch, der für das Kloster Mor Gabriel eine Stiftung aus den Erträgnissen eines verborgenen Schatzes einrichtete, den sein Neffe David in einer abgelegenen Höhle entdeckt hatte. An andere Heilige erinnert man sich wegen ihrer wunderbaren Heilungen, so etwa im zerstörten Kloster des Hl. Theodotus (gest. 698), das oberhalb des Dorfes Kelith liegt und heute noch von Menschen besucht wird, die an Migräne leiden.

Wenn es auch die Architektur der Kirchen ist, wie jene des Hl. Jakob des Einsiedlers in Salah und der Marienkirche in Hah, auf die heute das Auge des Besuchers gelenkt wird, so ist es ebenso wichtig daran zu erinnern, dass die Geschichte des Tur Abdin unter vielen Gesichtspunkten reich an Kultur ist. Aus dem Jahre 1227 ist eine großartige illuminierte Evangeliar-Handschrift erhalten, die für die Kirche von Hah geschrieben wurde. Sie ist ein Hinweis auf die hohe Qualität der Schreibtätigkeit des 13. Jahrhunderts in der Region und macht auch die Bezeichnung "Renaissance" der Syrisch-Orthodoxen Kirche verständlich, die jüngst ein Autor für diese Epoche geprägt hat. Ebenso kann sich der Tur Abdin einer großen Zahl von Autoren rühmen, die in klassischem Aramäisch schrieben. Es ist zu bedauern, dass ihre Werke weithin unveröffentlicht bleiben und nur als Manuskripte gelesen werden können. Unter den wenigen Autoren, deren Schriften gedruckt wurden, sind Mas'ud und Addai, beide aus dem 15. Jahrhundert: Mas'ud war der Autor einer langen theologischen Dichtung mit dem Namen "Das geistliche Schiff". Beim Autor kann es sich um dieselbe Person handeln wie bei jenem Mas'ud, der einer der unabhängigen Patriarchen des Tur Abdin zur Zeit des Schismas mit der offiziellen Patriarchenlinie war, die in Deyrulzafaran ihren Sitz hatte. Der Priester Addai, der nur einer von vielen bemerkenswerten Autoren von Bsorino (Basibrin) war, wird von heutigen Historikern gerne genannt, weil er ca. 200 Jahre später die Kirchengeschichte des Bar Hebräus (Bar Ebroyo) bis zu seiner Zeit fortgesetzt hat. Als ein Vertreter der vielen Autoren, deren Werke faktisch unbekannt blieben, sollte man Basilius She'mun heraus greifen. Er war Maphrian des Tur Abdin und starb im Jahre 1740 als Märtyrer.

Von seinen umfangreichen Schriften in Prosa und in Versform wurden nur wenige Beispiele (in einer Anthologie, veröffentlicht vom Kloster St. Ephräm / Niederlande durch Mor Yulius Yeshu Cicek) zugänglich gemacht. Unter diesen befindet sich ein Gedicht in kurdischer Sprache, das in aramäischer Schrift geschrieben ist. Eine andere wenig bekannte Rolle dieser schreibenden Mönche liegt in der Verbreitung von Texten: über Jahrhunderte weitergeführt bis unmittelbar zum heutigen Tag, waren in den Kirchen und Klöstern des Tur Abdin unzählige Schreiber mit dem Kopieren von aramäischen liturgischen und literarischen Texten beschäftigt. Vielleicht ist es so manchem dieser schreibenden Mönche zu verdanken, dass Schriften über das geistliche Leben großer ostaramäischer klösterlicher Schriftsteller wie Isaak von Ninive und Johannes dem älteren (Yuhanon Sobo) auch in syrisch-orthodoxen Kreisen gelesen und geschätzt wurden. Man muss bedenken, dass dies etwa zu der Zeit geschah, als einige Klöster in den Izlo-Bergen, die ursprünglich ostaramäische Gründungen waren, schließlich in syrisch-orthodoxe Hände wechselten.

Viele Schreiber vermerkten ihre Namen und das Datum der Niederschrift am Ende der Manuskripte, die sie kopierten. Manchmal wollte ein Schreiber auch einige Verse hinzufügen, um die Vollendung seiner Arbeit zu feiern. Eines dieser Verspaare lautet:

Wie sich der Segler freut, dass sein Schiff den Hafen erreicht hat, so freut sich der Schreiber über die allerletzte Zeile, die er schreibt.

Dieser Doppelvers hat tatsächlich eine lange und interessante Geschichte, weil ähnliche Verse in Griechisch und Latein bezeugt sind: in Griechisch stammt das älteste Beispiel aus dem Jahre 898, in Latein aus dem Jahre 669, aber ein aramäisches Manuskript bietet uns das älteste Beispiel, das auf den Dezember 543 datiert ist. Es gibt ein erfreuliches Beispiel für die Kontinuität, da sich der Doppelvers am Ende von verschiedenen Publikationen Mor Yulius Yeshu Ciceks findet, des früheren Abtes des Klosters Mor Gabriel im Tur Abdin und jetzigen Metropoliten von Mitteleuropa. Obwohl der Tur Abdin durch eine große Auswanderungswelle bedauerlicherweise nahezu entvölkert ist, bleibt er dennoch weithin ein geistlicher Brennpunkt, nicht nur für die syrisch-orthodoxe, sondern ebenso für die gesamte christliche Tradition. Dies nicht zuletzt dadurch, dass im Kloster von Mor Gabriel eine liturgische Sprache mit Liebe und mit Erfolg gepflegt wird, die dem aramäischen Dialekt, den Jesus gesprochen hat, sehr nahe kommt, - und das nicht als museale Einrichtung, sonder viel mehr als Teil einer ehrwürdigen und lebendigen Tradition, die die ungeteilte christliche Tradition bereichert hat und weiterhin bereichert.

Schon früh wurde der christliche Glaube im Tur Abdin verkündet. Bereits aus dem Jahre 120 ist ein Bischof von Beth Zabday bekannt. Die Mönche aber, durch die der Tur Abdin im 4. Jahrhundert endgültig zum christlichen Glauben geführt wurde, lehrten die Menschen eine strenge Art zu leben. Umgekehrt baute fast jede Stadt und jedes Dorf ein eigenes Kloster, das man besuchte, um sich in der Not Rat und Kraft zu holen und um die dort bestatteten Heiligen zu verehren.

So wuchs ein zutiefst christlich geprägtes Volk heran, das für seine Klöster sorgte und von dort geistliche Gaben empfing. Die Klöster haben deshalb bis heute eine zentrale Bedeutung - auch für das Überleben der Christen im Tur Abdin in unserer Zeit.