Freitag, 24. März 2017
Die Aramäer (Suryoye) & Aram-Nahrin - Leben in der Diaspora
Beitragsseiten
Die Aramäer (Suryoye) & Aram-Nahrin
Heimatland Tur Abdin (von Sebastian Brock)
Leben in der Diaspora
Alle Seiten

Aramäer (Syrisch-Orthodoxe Christen) in Deutschland


Seit Ende der 60er Jahre kommen die aramäischen Christen (Aramäer) aus der Türkei - hauptsächlich aus dem Tur Abdin, aber auch aus Istanbul und Syrien (Aram) nach Deutschland. Genaue Angaben über ihre Anzahl in Deutschland liegen nicht vor, weil die offiziellen Statistiken keine Unterscheidung zwischen Aramäern, Türken und anderen türkischen Staatsangehörigen machen. Wegen ihrer türkischen Pässe werden sie auch als Türken bezeichnet. Schätzungsweise leben z. Zt. ca. 90.000 syrisch-orthodoxe Christen aramäischer Volkszugehörigkeit in Deutschland, sie haben unterschiedliche Rechtsstellungen: Gastarbeiter, Asylberechtigte, Flüchtlinge, Asylbewerber. Auch die Zahl derjenigen, die schon die deutsche Staatsangehörigkeit durch die Einbürgerung erworben haben, ist nicht zu unterschätzen. Im folgenden wird auf die Aufnahme und ausländerrechtliche Stellung, die aktuelle Situation sowie die Zukunftsperspektiven der Aramäer eingegangen.

Aufnahme der Aramäer in Deutschland - Ausländer und aufenthaltsrechtliche Stellung
Als Deutschland in den 60er Jahren in der Türkei Gastarbeiter anwarb, nutzten viele bedrängte Christen im Tur Abdin diese Gelegenheit und kamen als Arbeitsemigranten in die Bundesrepublik Deutschland. Diese Christen sind nicht aus wirtschaftlichen Gründen geflüchtet, sondern hatten andere Motive für ihre Wanderung: religiöse und politische Verfolgung. Oft kamen zuerst die Väter nach Deutschland, um Arbeit und Wohnung zu finden und dann folgten ihnen die anderen Familienangehörigen nach. Mit dem Gastarbeiterstop von 1973 wurde auch diese Umsiedlungsart der Aramäer abgebrochen. Für sie bestand nun die einzige Möglichkeit, als Asylbewerber nach Deutschland zu kommen. Weil damals die lebensbedrohende Situation im Tur Abdin den Deutschen fast völlig unbekannt war, wurden viele von ihnen nicht als Asylberechtigte anerkannt. An dieser Stelle sei Pfarrer Mennebröcker aus Ahlen (Westf) zitiert: "Unbekannt war auch, dass diese Christen oft der türkischen Sprache überhaupt nicht mächtig waren, sondern Turyoyo (Bergsprache), eine moderne Form der aramäischen Sprache. Bedingt durch diese Unkenntnis wurden in Deutschland oft Dolmetscher eingesetzt, die weder die Sprache dieser Christen kannten, noch als muslimische Türken von der Verfolgungssituation dieser Christen etwas wussten oder ihnen auch manch mal nicht wohlgesonnen waren."

Die Einführung der Visumspflicht für die Türkei im Jahre 1980 hat zwar die Einreise in die Bundesrepublik Deutschland allgemein erschwert, jedoch die Fluchtbewegung der Christen aus dem Tur Abdin nicht stoppen können. Mit Hilfe von Schlepperorganisationen gelang es vielen, Deutschland zu erreichen, wobei sie diesen Organisationen "unvorstellbar viel Geld" zahlen mussten. Verschiedene Gremien, wie z.B. die Gesellschaft für bedrohte Völker, Kirchen, aber auch Privatpersonen erstellten Gutachten über die bedrohliche Situation der Christen im Tur Abdin. Dadurch wurden alle christlichen Asylbewerber aus dem Tur Abdin, die in der ersten Hälfte der 80er Jahre auswanderten, generell als Asylberechtigte anerkannt. Im Dezember 1985 wurde in einer gemeinsamen Konferenz des Bundeskanzlers mit den Ministerpräsidenten der Länder beschlossen, alle Christen, die vor dem 31.12.1985 in die BRD eingereist waren, als Asylberechtigte anzuerkennen. Diejenigen, die ab dem 01.01.1996 in Deutschland Asyl beantragten und dies mit religiöser Verfolgung begründeten, konnten nur in seltenen Fällen anerkannt werden. In manchen Fällen drohte sogar die Abschiebung, obwohl sich die Situation der Aramäer im Tur Abdin seit 1990 noch mehr verschärft hatte. Aus humanitären Gründen wurde jedoch bis zum Ende 1991 den Christen aus der Türkei trotz eines negativen Abschlusses des Asylverfahrens ein weiterer Aufenthalt in Deutschland ermöglicht. Im Jahre 1991 wurde vom Bundesinnenminister ein Erlass herausgegeben, in dem er eine Aufenthaltsbefugnis für die Christen, die aus der Türkei bis zum 31.12.1989 in die BRD eingereist waren, befürwortet wurde.

Doch viele aramäische Christen verdanken ihr Bleiben in Deutschland auch den deutschen Kirchen bzw. ihren Wohlfahrtsverbänden. Die Katholische sowie die Evangelische Kirche und deren Wohlfahrtsverbände unterschätzten die Situation der Christen im Tur Abdin im Gegensatz zu den Deutschen Gerichten nicht und setzten sich für ein Aufenthaltsrecht für alle Christen aus der Türkei ein. Glücklicherweise sehen seit 1994/1995 sowohl das Bundesamt für die Anerkennung ausländischer Flüchtlinge, als auch die zuständigen Gerichte für die Christen in der Türkei keine sog. inländische Fluchtalternative mehr. Seitdem werden sie auch generell als Asylberechtigte anerkannt; sie erlangen einen dauerhaften Aufenthaltsstatus in Deutschland. Diese positive Entwicklung in der deutschen Rechtssprechung ermöglichte auch denjenigen, die aus humanitären Gründen nur vorrübergehend in Deutschland bleiben konnten, erneut einen Asylfolgeantrag zu stellen, wonach sie auch als Asylberechtigte anerkannt wurden.

Aktuelle Situation - Zukunftsperspektiven
Die Aramäer leben in Deutschland in der Gewissheit, dass für sie keine Möglichkeit der Rückkehr in die Heimat besteht. Daher versuchen sie in Deutschland eine neue Existenz aufzubauen. Sie sehen ihre Zukunft in Deutschland bzw. in den europäischen christlichen Ländern. Sie passen sich den neuen Lebensbedingungen schnell an. Sie wollen "als Christen unter Christen" leben, weil ihre christliche Existenz in ihrer andersgläubigen Umgebung unmöglich war. Daher soll Deutschland eine zweite Heimat für die Aramäer werden, denn in ihrer angestammten Heimat Tur Abdin sehen sie keine Zukunftsperspektiven und Überlebenschancen mehr. Sie sind interessiert, möglichst bald die deutsche Staatsangehörigkeit zu erlangen, wobei sie aber ihre Sprache, ihre Kultur, ihr eigenes Volkstum nicht aufgeben wollen. Damit bringen sie den Wunsch und Bereitschaft zur Integration in die deutsche Gesellschaft mit. Die Integration darf jedoch nicht zur Assimilation führen. Denn sie wollen in Deutschland auch ihre ethnische Identität, die auf Tausende von Jahren zurückblicken kann, aufrechterhalten. Ihre sehr alte Sprache, das Aramäisch, darf nicht aussterben. Im Laufe der Geschichte hat es sich bei diesen Christen ergeben, dass der Glaube, die Kultur, das Volkstum ineinander überflossen. Im Tur Abdin verdanken sie ihr überleben als Volksgruppe ihrer religiösen Gemeinschaft. Auch in Deutschland bleiben nach ihrer Ansicht die Überlebenschancen und die Zukunftsperspektiven ihrer Volksgruppe an die Zukunft ihrer religiösen Gemeinschaft gebunden. Papst Johannes Paul I. soll einmal gesagt haben, dass "diese Christen durch die Pflege ihrer Eigenart der gesamten Christenheit, gleich welcher Konfession, einen unersetzbaren Dienst leisten."

Als die Aramäer aus dem Tur Abdin nach Deutschland auswanderten, war es ihr Anliegen, wie in ihrer angestammten Heimat, als Dorfgemeinschaft und als orientalische Großfamilie in Deutschland wieder zusammenzuleben. Doch ihnen wird immer bewusster, dass sie ihr Leben in Deutschland anders als in der Türkei gestalten müssen. Die Jugendlichen finden sich in Deutschland besser zurecht und erlernen die deutsche Sprache schneller, so dass sie eine Dolmetscherfunktion für ihre Eltern z. B. bei den Behörden übernehmen können.

In den meisten deutschen Städten, in denen die Aramäer eine Heimat gefunden haben, versuchen sie auch hier wiederum, Kirchen zu bauen, Gemeinden zu bilden sowie Kultur- und Sportvereine zu gründen. Damit sie sich gegenseitig im Glauben stützen und helfen können, sehen sie die Kirchen und Gemeinden als unerlässlich. Die Katholische sowie die Evangelische Kirche stellen ihnen zwar ihre Kirchengebäude gerne zur Verfügung, aber wirklich zu Hause können sich diese Christen in diesen westlichen Kirchen nicht fühlen, denn diese Kirchen sind entsprechend der westlichen und nicht der aramäisch-antiochenischen Liturgie gebaut. Die Aramäer feiern heute noch die Eucharistiefeier nach der uralten Liturgie des Apostels Jakobus. Durch die Hilfe der Katholischen und der Evangelischen Kirchen sowie durch die großen Spenden der aramäischen Christen konnten in Deutschland viele eigene Kirchen eingerichtet werden. In Deutschland gibt es heute 42 aramäische Gemeinden und die Zahl der eigenen Kirchen liegt etwa bei 25. Diese unterstehen der 1998 gegründeten Syrisch-Orthodoxen Diözese in Deutschland mit dem Bischofssitz in Warburg.

Zum Zwecke des Bewahrens des aramäischen Kulturgutes und der Vertretung der Interessen der aramäischen Christen in Deutschland wurden zahlreiche Kulturvereine gegründet. Auch die Zahl der Sportvereine, die sportlichen Interessen der Jugendlichen vertreten und fördern sollen, ist nicht zu unterschätzen. Die Gründung der zahlreichen Kultur- und Sportvereine führte 1985 zur Gründung der Föderation der aramäischen Vereine in der Bundesrepublik Deutschland e.V., die heute ca. 40 Mitgliedsvereine zählt. Ihre Ziele und Aufgaben bestehen darin, die Sprache, Kultur, Geschichte und Tradition des aramäischen Volkes in Europa zu pflegen und die Aramäer auf Vereinsebene zu betreuen. Soziale Betreuung, Sprachkurse, allgemeine Bildungsveranstaltungen und kulturelle Veranstaltungen mit deutschen Bürgern sind weitere Aufgaben der aramäischen Vereine. Neben den Kultur- und Sportvereinen spielen auch die Musik- und Tanzgruppen und Jugendvereine auf kultureller Ebene eine wichtige Rolle. Die Aramäer verfügen heute in Deutschland bzw. Europa über eigene Zeitschriften, die auf aramäisch, deutsch, türkisch und arabisch geschrieben werden und hauptsächlich über die aktuelle Situation der Aramäer und die aramäische Kultur berichten.

Viele Aramäer, die ihre Zukunft in Deutschland sehen, versuchen eigene Häuser zu bauen bzw. zu erwerben. Die Zahl der Selbständigen unter ihnen ist relativ hoch. Gastronomiebetriebe, Schneidereien, Lebensmittelläden, Goldschmiede, Bauunternehmen seien hier als Beispiele aufgeführt. Viele Eltern sehen für sich keine Möglichkeit, eine Tätigkeit aufzunehmen oder eine Berufsausbildung zu erlernen. Ihre Zukunftsperspektiven verlagern sich auf ihre Kinder. Sie wollen, dass ihre Kinder in der Schule vorankommen und eine Ausbildung machen. Dadurch hoffen sie, dass ihnen eine sorgenfreie Zukunft gesichert wird.

Davut Aslan Dipl.-Sozialarbeiter / Dipl.-Religionspädagoge Paderborn, Juli 2000